„Bassd scho“ oder: Warum die Gründung der Universität die wichtigste Weichenstellung in der Geschichte Bayreuths war und ist

Von Gert Dieter Meier

Gut Ding will Weile haben. Diese Binse gilt insbesondere für Großprojekte, die von langer Hand geplant werden müssen. Wie etwa die Universität Bayreuth (UBT). Die Idee einer Universitätsgründung im strukturschwachen Nordbayern nahm Ende 1969 so richtig Fahrt auf. Der damalige Oberbürgermeister Hans Walter Wild, übrigens ein Duzfreund von Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß, drängte mit unermüdlichem Einsatz und in typisch Wild ’scher Manier darauf, die siebte und bis heute letzte Universitätsneugründung Bayerns unbedingt in Bayreuth zu realisieren – mit großer Unterstützung in Bayreuth, aber auch gegen starke Konkurrenz aus vielen Teilen des Freistaats, versteht sich. Der Bayreuther Stadtrat stärkte ihm den Rücken. Einstimmig beantragte er die Universitätsgründung in Bayreuth. Gut ein halbes Jahr später beschloss dann der Bayerische Landtag tatsächlich, in Bayreuth eine Universität zu errichten, der Wissenschaftsrat billigte die Neugründung wenig später. Am 23. März 1974 folgte die Grundsteinlegung, am 27. November 1975 eröffnete Kultusminister Hans Maier mit einem Staatsakt im Markgräflichen Opernhaus die Universität Bayreuth als siebte Landesuniversität mit Schwerpunkt Naturwissenschaften. Zunächst wurde der Lehrbetrieb im Wintersemester 1975/76 in den Fachbereichen Mathematik und Physik, Biologie, Chemie und Geowissenschaften sowie Erziehungswissenschaften aufgenommen – mit gerade mal 632 Studierenden.

2500 Neubürger auf Zeit

47 Jahre später. Die Universitätsleitung blickt auf das Wintersemester 2022/23. Und erwartet dazu gut 13.000 Studentinnen und Studenten, davon 14 Prozent aus dem Ausland. Universitätspräsident Prof. Stefan Leible rechnet dabei mit 2.500 Studierenden, die neu an die Universität Bayreuth kommen, darunter rund 1.900 Erstsemester sowie etwa 600 Studierende, die von einer anderen Universität nach Bayreuth wechseln. Leible gibt sich zufrieden: „Die Studierendenzahlen sind stabil, so können wir uns intensiv der weiteren Internationalisierung und der Schärfung unseres Forschungsprofils widmen“, so der Unipräsident vor Medienvertretern.

Ganz normal freilich wird auch das bevorstehende Wintersemester mit 2500 Neubürgern auf Zeit noch nicht ablaufen. Nach fast vier Semestern ohne dauerhaften Präsenzlehrbetrieb (!) finden Vorlesungen und Seminare jetzt zwar alle wieder in Präsenz in Bayreuth statt, allerdings unter veränderten Bedingungen. Denn auch die Universität Bayreuth ist gehalten, nach dem russischen Gas-Stopp Energie zu sparen. Zu diesem Zweck wurde denn auch schon vor längerer Zeit eine Task Force eingerichtet, die sinnvolle Energiesparmaßnahmen umsetzen soll. Universitätskanzlerin Dr. Nicole Kaiser dazu: „Natürlich leisten wir unseren Beitrag zu Einsparungen, auch wir haben hier eine gesellschaftliche Verantwortung. Und auch die erwarteten Mehrkosten von bis zu 25 Prozent fordern dies.“ Die UBT hat unter anderem die vorhandenen Lüftungsanlagen auf 19 Grad Celsius eingestellt, die Außenbeleuchtung angepasst und die Flurbeleuchtung wurde, wo möglich, auf Zeitschaltung umgestellt. „Sicherheit und Studienbedingungen haben aber immer Priorität!“ 

Eine Erfolgsgeschichte

Die Geschichte der Universität Bayreuth ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Sie zählt längst zu den erfolgreichsten jungen Universitäten Deutschlands. Die Uni selbst bezeichnet das „interdisziplinäre Forschen, Lehren und Studieren“ als wichtigste Gründe für den eigenen Erfolg auf dem Markt des Wissens und der Wissenschaften. Und: Man setze mit jetzt bald 14.000 Studierenden und 160 Studiengängen an sieben Fakultäten auf „Klasse statt Masse“. Erst vor ein paar Tagen meldete die Universität Bayreuth unter Hinweis auf die „THE World University Rankings 2023“, dass die Universität Bayreuth im Bereich „Forschung“ zu den besten 15 Prozent, in den Bereichen „Lehre“ und „Industriekooperationen“ zu den besten 20 Prozent der Universitäten weltweit gehöre. Sie konnte diese Platzierungen behaupten, obwohl der internationale Wettbewerb sich erneut deutlich verschärft habe: Die Zahl der gelisteten Universitäten sei nämlich im Vergleich zum THE-Ranking 2022 um mehr als acht Prozent auf knapp 1.800 Universitäten gestiegen.

Das ist wunderbar für die Universität selbst, die Frage aber bleibt: Was hat diese Universität eigentlich der Stadt Bayreuth gebracht? Ich halte die Ansiedlung der Universität in Bayreuth für die mit Abstand wichtigste strukturpolitische und nachhaltige Weichenstellung in der Geschichte der Stadt war. Und ziehe deshalb den Hut vor all denen, die sich mit großer Weitsicht und gegen so manchen Zweifler für eine Unigründung in der Wagnerstadt eingesetzt haben. Die Chancen, ein Jahrhundertprojekt wie dieses 99 Jahre nach den ersten Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen im strukturschwachen Norden Bayerns, keine 60 Kilometer entfernt von der Zonengrenze, zu realisieren, waren alles andere als rosig. Bayreuth galt damals als wenig sexy.

© Uni Bayreuth

Uni hat mehr Flair nach Bayreuth gebracht
Diese Universität und vor allem die Menschen, die sie aufgebaut und geprägt haben, haben die Stadt verändert – und zwar zum Guten. Sie haben Bayreuth jünger, internationaler, attraktiver gemacht. Sie haben auch das Flair dieser Stadt nachhaltig verändert. Die Universität hat eine Fülle ausgezeichneter Arbeitsplätze geschaffen und war ausschlaggebend für viele Firmengründungen. Sie hat den lokalen Wohnungsmarkt massiv und dauerhaft angekurbelt, sie hat zahllosen Unternehmen und Betrieben auch aus der Region lukrative Aufträge beschert. Sie hat Bayreuth einen herausragenden Standortvorteil beschert im Wettbewerb mit anderen, die Stadt in eine andere Liga gebracht. Und sie bringt, bis heute und in alle Zukunft, nicht nur ein Füllhorn an Wissen(schaft) in die Stadt und in die Region, sondern zieht auch gigantische Investitionen – man denke nur an die Bauten, die seit 1975 auf dem Campus entstanden sind. Davon profitieren Unternehmen, davon profitiert auch die Stadt und ihre Bürger, davon profitieren heute auch Oberfranken und ganz Bayern.
* Zum Beispiel dadurch, dass sich im Umfeld der Universität junge Firmen gründen; und um diese und die kreativen Köpfe dahinter auch in Zukunft in der Stadt oder in der Region zu halten, haben Stadtrat und Kreistag die Errichtung eines regionalen Innovations- und Gründerzentrums beschlossen. 

* Zum Beispiel dadurch, dass sich gleich zwei Fraunhofer-Institute hier etabliert haben, die Knowhow und Arbeit bringen.
* Zum Beispiel dadurch, dass Studentinnen und Studenten oder auch Professorinnen und Professoren sich einbringen in dieser Stadt oder im Landkreis. Sie forschen in der Region, sie forschen für die Region. Sie geben ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse weiter an Stadt und Stadtrat (Klimabeirat, Forum1.5 und viele andere) und Landkreis und Kreistag; sie reden mit, wenn’s ums Klima, regionale Entwicklungen (Projektseminare, wissenschaftliche Untersuchungen, Knowhow), Wirtschaft , Umwelt, Verkehr (insbesondere im Bereich Regionalgeografie, Kultur (Musiktheater, Forschungsstelle für Musiktheater) oder auch um den Sport geht (Projekte unter anderem mit Medi Bayreuth); sie bereichern Vereine, Verbände, Bürgerinitiativen und Parteien. Sie gründen Bands und Orchester, befeuern die junge Seite der Stadt mit vielen Ideen, sie gehen in Kneipen, Restaurants und Cafés oder gründen Kneipen, sie gehen ins Kino, zu Konzerten oder ins Theater, sie kaufen – natürlich – auch in der Stadt ein, in der sie leben. Sie feiern Hochzeiten, Taufen, Schulanfänge sowie Feste aller Art und machen die Nacht zum Tag. Sie bauen oder kaufen Häuser und Wohnungen; sie bezahlen hier ihre Steuern; und ja: einige haben hier auch schon ihre letzte Ruhe gefunden. Kurzum: die einstigen Neu-Bayreuther sind längst Teil dieser Stadtgesellschaft geworden. Mehr noch: sie selbst beteiligen sich auch daran, diese Stadtgesellschaft voranzubringen. 

* Zum Beispiel dadurch, dass diese Universität mit über 1.600 wissenschaftlichen Beschäftigten, davon zirka 250 Professorinnen und Professoren, und mehr als 1000 Mitarbeitenden im nicht-wissenschaftlichen Bereich (Quelle: Universität Bayreuth) einer der größten Arbeitsgeber der Region ist. Und mit dem für alle Menschen zugänglichen Ökologisch-Botanischen Garten ein echtes Juwel für die Freizeitgestaltung geschaffen hat.

*Zum Beispiel auch dadurch, dass an dieser Hochschule unzählige Karrieren ihren Ausgangspunkt genommen haben. Und zahlreiche Top-Manager, Sportökonomen in leitendenden Positionen, Top-Juristen und Wissenschaftler in ihren Lebensläufen Bayreuth auflisten. Und die Erinnerung an ihre Studienzeit in Bayreuth sicherlich nie vergessen werden. Bessere Botschafter gibt es nicht als Menschen, die sich in einer Stadt wohlgefühlt haben.

Zeit des Fremdelns ist vorbei

Zugegeben: Die Tatsache, dass sich das universitäre Leben tagsüber vor allem auf dem Campus abspielt, der eben nicht in der Stadtmitte liegt, hat zunächst zu einer gewissen Abschottung geführt. Das Fremdeln freilich hat sich längst gelegt. Und wird sich in naher Zukunft weiter verlieren, weil Stadt und Campus sich auch und vor allem durch ein neues Wohngebiet auf dem früheren Zapf-Areal buchstäblich näherkommen und weil beide Seiten längst offen aufeinander zugehen, was das vereinzelte anfängliche Misstrauen pulverisiert hat. Und sich bewusst sind, dass man nur gemeinsam, im wertschätzenden Miteinander, vorankommt. Stadt und Universität gehören endlich zusammen, da gibt es nichts Trennendes mehr, man profitiert wechselseitig von den Stärken des anderen. Das ist vielleicht keine spektakuläre, aber gleichwohl wichtige und beruhigende Nachricht. Mehr noch: Diese Vernetzung ist auch abseits des reinen Standortvorteils Basis für eine weitere gute Entwicklung. Und deshalb auch eine Chance, um die uns viele, sehr viele andere Städte bis heute beneiden. 

Und wie würde wohl ein typischer Bayreuther das Verhältnis der Stadt und ihrer Universität beschreiben? Kurz und knapp, eben typisch fränkisch und durchaus weise mit lediglich zwei Worten: „Bassd scho!“ Mehr Lob geht nicht.

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