Der Wandel geht uns alle an

Beim Thema Ernährung können wir alle viel bewegen. Und die Region verändern.

Von Gert Dieter Meier

Es gibt Sätze, die wichtig sind. Aber todlangweilig. Diesen zum Beispiel: Ernährung geht uns alle an. Ich persönlich finde ja, dass sich kaum ein anderer Begriff in der inhaltlichen Wahrnehmung  so sehr verändert hat wie „Ernährung“.  Ging es vor Jahren vor allem noch ums gesunde Pausenbrot, den vernünftigen Snack für zwischendurch und Zeigefinger-Kampagnen, mit denen sich die Krankenkassen in Schwarzmalerei überboten, wird das Thema Ernährung heute immer öfter politisch aufgeladen. Kein Wunder, schließlich weist der sogenannte Welthungerindex nach, dass mehr als 828 Millionen Menschen auf diesem Planeten Hunger leiden. Und diese Entwicklung dürfte noch zunehmend, wenn es nicht gelingt, die Klimakrise in Griff zu bekommen. Das sage nicht ich, sondern das belegt die 2022 veröffentlichte Oxfam-Studie „Hunger in a heating world“.

Ein Wandel vollzieht sich aber nicht nur draußen in der Welt, sondern auch bei uns vor der Haustüre, also mitten in der Genussregion Oberfranken, die sich bekanntlich rühmt, die weltweit größte Vielfalt an Bäckereien, Metzgereien und Brauereien zu repräsentieren. Das stimmt zweifelsohne, freilich registrieren wir durchaus auch schon im Genießerparadies Oberfranken, dass die Einschläge auch bei uns zunehmen. Bäckereien und Metzgereien schließen – nicht nur in den Dörfern, sondern auch in den Städten. Derweil locken Discounter mit vollautomatischen Backautomaten oder vorgebackenen Waren, nie eine Bäckerhand gesehen haben oder Lebensmittelmärkte mit eigenen Filialen von Großbäckereien. Und mit dem Kneipensterben, das durch die Corona-Pandemie noch verstärkt wurde, geht auch bei den Brauereibetrieben der Trend zur Konzentration. Viele kleinere Betriebe stecken in der Krise, andere müssen aufgeben – zuletzt die Weismainer Püls-Bräu, die keinen anderen Ausweg mehr sah als die Selbständigkeit aufzugeben und an die Bayreuther Brauerei Gebrüder Maisel zu verkaufen. So bleibt zumindest die oberfränkische Identität erhalten.

Viele, vor allem jüngere Menschen, entscheiden sich unterdessen auch in Bayreuth und der Region dafür, aus (politischer) Überzeugung ganz auf Fleisch zu verzichten. Vegan ist auf dem Vormarsch, was man schon daran erkennt, dass immer mehr Discounter und Lebensmittelmärkte ganze Regalwände mit veganen oder vegetarischen Produkten befüllen. Und auch die Gastronomie zieht bei diesem Megatrend mit. Beispiele gefällig? Beim Bayreuths Traditionslokal „Mann’s Bräu“ stehen nicht mehr nur die oberleckeren Schäufele auf der Karte, sondern auch ein Veganer Sauerbraten oder vegane Frikadellen. Das Restaurant Zur Sudpfanne beglückt vegane Gäste sogar mit einem Dreigangmenü. Betriebe wie der „Kraftraum“ in der Sophienstraße oder das „Vedans“ in der Richard-Wagner-Straße (wo man auch viele Profi-Basketballspieler antrifft) haben sich ohnehin schon ihr eigenes, junges Publikum erobert.

Weitere Zeichen des Wandels? Mit der „Hamsterbacke“ hat Bayreuth seit geraumer Zeit einen Unverpackt-Laden; daneben gibt es zahlreiche Hof-Läden und natürlich die Angebote des Wochenmarkts. Auch interessant: Das Lanzendorfer Backparadies hat am Wilhelmsplatz eine Filiale eröffnet, mit der explizit der Lebensmittelverschwendung der Kampf angesagt wird, weil dort Produkte vom Vortrag zum günstigen Preis angeboten werden, die ansonsten entweder verschenkt oder weggeworfen werden müssten. Dem Vernehmen nach erfreut sich dieses Angebot einer großen Nachfrage. Und dann wäre da ja noch die „Tafel“, die in Bayreuth wirklich tolle Arbeit macht. Indem sie zum einen Lebensmittel rettet, die in Supermärkten und Betrieben übrigbleiben. Und diese für kleines Geld an Bedürftige weiterreicht. Das alles ehrenamtlich organisiert. Ein Vorzeigeprojekt also, wäre da nicht diese eine traurige Botschaft dahinter, die uns nachdenklich stimmen sollte: Es gibt in unserer Gesellschaft offenbar immer mehr Menschen, die es sich nicht mehr leisten können, ihre Lebensmittel in normalen Geschäften einzukaufen. Sie sind stattdessen auf Angebote wie die der Tafel angewiesen.

Und was hat die Region sonst noch beizusteuern zum Thema Ernährung? Einiges. So hat die Universität Bayreuth am Standort Kulmbach mit dem Aufbau der Fakultät VII für Lebenswissenschaften (https://www.f7.uni-bayreuth.de) begonnen – da geht es darum, die Bereiche Lebensmittel, Ernährung und Gesundheit über einen ganzheitlichen Ansatz wissenschaftlich zu erforschen. Diese Grundsatzfragen treiben die Forscherinnen und Forscher um:

  • Welche kausalen Zusammenhänge bestehen zwischen Krankheitsrisiken und bestimmten Lebens-/Ernährungsweisen?
  • Welche individuellen, gesellschaftlichen, kulturellen und/oder sozioökonomischen Faktoren behindern gesundheitsförderliche Lebens-/Ernährungsweisen?
  • Wie kann die Versorgung von Menschen mit ausreichenden Mengen gesunder Lebensmittel verbessert werden

Mit dem Kompetenzzentrum für Ernährung (Kern) verfügt Kulmbach noch über eine weitere wichtige Einrichtung. Kernaufgabe des Kern (www.kern.bayern.de): Wissen rund um die Ernährung in Bayern zu bündeln. Das Kern konzipiert Fachveranstaltungen und unterstützt die bayerische Ernährungswirtschaft. Für verschiedene Zielgruppen werden Informationsmaterialien und Modellprojekte entwickelt. Das Kern gehört zum Ressort des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.

Und dann wäre da noch eine besondere und vergleichsweise junge Initiative, die sich um Ernährungsfragen aller Art kümmert – der Ernährungsrat Oberfranken. Was der bezweckt, beschreiben die Initiatoren dieses Mitmachprojektes auf ihrer Homepage www.ernaehrungsrat-oberfranken.de wie folgt: „Der Ernährungsrat Oberfranken versteht sich als Treiber, Motor und Moderator der Ernährungswende in Oberfranken. Sein Ziel ist es, ein resilientes, gerechtes und gemeinwohlorientiertes Ernährungssystem in Oberfranken zu etablieren, das saisonale und regionale Lebensmittel aus fairer und ökologischer Herstellung fördert. Dazu bringt er Akteure aus der ganzen Lebensmittelwertschöpfungskette an einen Tisch, von Landwirtschaft über Lebensmittelhandwerk, Einzelhandel, Gastronomie, Gemeinschaftsverpflegung und Verbraucher. Gleichzeitig bildet er die Koordinierungsstelle entstehender kommunaler Ernährungsräte und Initiativen in Oberfranken.“ Unter anderem hat der Ernährungsrat ein Crowdfunding-Projekt zum Thema bioregionale Lebensmittel gestartet, an dem man sich noch bis 20. Februar 2023 beteiligen kann.

Was uns das alles angeht? Viel! Denn vor allem durch unser eigenes Verhalten verändern wir die Welt. Indem wir alle unsere Lebensmittel immer öfter vor Ort beziehen, tun wir etwas nachhaltig Gutes für die Umwelt. Weil Lebensmittel vor Ort kurze Wege vom Erzeuger bis zum Verbraucher haben. Kurze Wege bedeuten weniger Klimakonflikte und mehr Frische. Sie bedeuten aber auch, dass wir gemeinsam die Landwirtschaft vor Ort stärken und den Produzenten so erlauben, ihre Tiere artgerecht zu halten und Obst und Gemüse für einen fairen und also realistischen Preis an die Frau oder den Mann zu bringen. Klar, das bedeutet auch, dass wir dem Metzger unseres Vertrauens, der sein Fleisch von einem Bauern seines Vertrauens bezieht, mehr bezahlen müssen als dem Discounter für abgepacktes Fleisch vom Großschlächter. Und auch die Gemüsekiste vom nachhaltig wirtschaftenden Landwirt vor der Haustür gibt es nicht zum Aldi-Einheitspreis. Wie sollte das auch möglich sein…
Meist folgt auf solche Ausführungen der Appell, aus freien Stücken mehr zu bezahlen für unsere Lebensmittel. Das können einige, das könnten vielleicht sogar viele. Jedoch schaffen das bei weitem nicht alle Menschen, vor allem nicht in Krisenzeiten und bei rasant steigenden Energie- und Lebenshaltungskosten. Aber auch in den Haushalten, in denen es immer wieder mal eng wird, kann man ja wenigstens ab und an auf den lokalen Einkauf setzen. Denn auch das hilft. Oder sich beispielsweise engagieren in einem der „urban-gardening“-Projekte, die es auch in Bayreuth und Oberfranken gibt. Gemeinsam Gärtnern macht immer mehr Menschen Freude. Hingewiesen sei zudem auf das Projekt Solidarische Landwirtschaft (https://solawi-bayreuth.org) , das ein ähnliches Ziel verfolgt wie die Mitmachgärtner: „Wir wollen die Idee der Solidarischen Landwirtschaft weitertragen, Bildungsarbeit leisten, uns in Themen wie der Landschaftspflege, der Regionalentwicklung und nachhaltigem Wirtschaften vor Ort einbringen“, heißt es dazu auf der Homepage des Vereins.

Der Wandel ist also allgegenwärtig und längst nicht mehr nur auf einzelne Bereiche konzentriert. Deshalb sei hier natürlich noch all jenen, die sich entweder für einzelne Projekte, oder aber auch die gesamte Bandbreite des Wandels interessieren, das TransitionsHaus in Bayreuth (www.transition-bayreuth) anempfohlen. Das TransitionHaus ist sozusagen die lokale Wandel-Schaltzentrale, Informationsort und Treffpunkt in einem. Ein gemeinsames Projekt vieler Menschen und Initiativen in Bayreuth, die bei aller Vielfalt vor allem ein Ziel vor Augen haben: „Wir setzen uns für eine nachhaltige und solidarische Zukunft ein, an der alle Menschen teilhaben sollen. Das TransitionHaus möchte interkulturelle und generationen-übergreifende Begegnungen unterschiedlicher sozialer Milieus erleichtern. Gemeinschaftliches Entscheiden und Handeln soll auch in Bayreuth mehr und mehr vorangebracht werden. Unsere Vorhaben richten sich explizit nicht nur an Bedürftige, sondern sollen jedem Menschen, unabhängig von Einkommen, Weltanschauung und sozialer Stellung zur Verfügung stehen.“ 

Seien wir ehrlich: Wir alle wissen, dass es höchste Zeit ist, dass die Welt sich ändert, genauer: dass wir uns in dieser Welt verändern, bewegen müssen. Einer, der das ebenfalls betont hat, ist der frühere US-Präsident Barack Obama. Zitat: „Veränderung wird nicht kommen, wenn wir auf eine andere Person oder auf einen andere Zeit warten. Wir sind die, auf die wir gewartet haben. Wir sind die Veränderung, nach der wir suchen.“

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