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Plädoyer für ein Hochhaus auf dem Postareal – und eine nachhaltige Baupolitik 

Bayreuth will hoch hinaus. Unweit des Bahnhofs, dort, wo die Post ihren einstigen Stammsitz räumt, weil sie landauf, landab, Briefe und Päckchen nicht mehr in den urbanen Zentren sortiert, sondern in hochmodernen Hightech-Verteilzentren mit Autobahnanschluss auf der grünen Wiese, soll ein Hochhaus entstehen. Ein Hochhaus! In Bayreuth!! Dabei ist dieses Hochhaus mit einer Traufhöhe von maximal  43 Metern nur ein Bestandteil eines Bauvorhabens, das als „urbanes Quartier“ firmiert und sich zwischen Bürgerreuther Straße, Goethestraße, Wilhelmsplatz und Friedrich-von-Schiller-Straße erstreckt. Aber diskutiert und gestritten wird kaum über das Investorenprojekt insgesamt, sondern einzig über den Turm, dem in den sozialen Medien flugs das Prädikat „hässlich“ übergestülpt wird, weil Platzhalter, Fotomontagen, Kommentare oder das eigene Kopfkino solches suggerieren.

So könnte es aussehen, das Hochhaus auf dem Postareal nahe dem Bayreuther Bahnhof. Aber es könnte auch ganz anders kommen… Welches Aussehen das neue, 43 Meter hohe Hochhaus am Ende haben wird, soll erst ein Architektenwettbewerb ergeben, der aktuell ausgeschrieben wird. Grafik: Greim Architekten

Der Hochhaus-Wettbewerb

Richtig ist, dass es hässliche Hochhäuser gibt. Richtig aber ist auch, dass es auch uniforme oder gar hässliche Ein- und hässliche Mehrfamilienhäuser in Hülle und Fülle gibt. Aber stellt man deshalb gleich den Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern ein? Richtig ist zudem, dass es auch attraktive Hochhäuser gibt. Und weil Bayreuth kein hässliches Hochhaus (mehr) will, hat der Stadtrat dem Investor einen Realisierungswettbewerb abverlangt. Will heißen: Nach einer entsprechenden Auslobung reichen Architekten ihre Hochhaus-Entwurfspläne ein. Und ein Preisgericht, in dem neben Bau-Experten auch Stadtratsmitglieder vertreten sind, fällt am Ende die Entscheidung, welcher Entwurf umgesetzt werden soll. Nun muss das keine Garantie für ein schönes Haus sein, aber ein solcher Wettbewerb ist doch ein ziemlich verlässliches Instrument, einen grundhässlichen Zweckbau zu verhindern. Den freilich hatten auch die Investoren selbst nie im Sinn, schließlich sollen in dem Turm auf rund 6700 Quadratmetern Eigentumswohnungen entstehen. Und je „ansehnlicher“ und nachhaltiger das neue Gebäude in dieser besonderen Lage wird, desto besser lassen sich die sicherlich nicht eben billigen Wohnungen verkaufen. 

Die Argumente gegen den Turm

Umstritten ist das Hochhaus vor allem aus zwei Gründen. Zum einen warnen die Kritiker – darunter der Landesdenkmalrat, das Landesamt für Denkmalpflege und der Landeskirchenrat – davor, dass ein Hochhaus an dieser Stelle die nahe, mit drei Türmen ausgestattete Christuskirche „unwiederbringlich entwerte“, wie die die Landeskirche konstatiert. Zum anderen zerstöre der Turm Sichtachsen hinauf zum Festspielhaus. Zu guter Letzt sei ein Hochhaus an dieser Stelle auch kaum kompatibel mit dem Denkmal Postgebäude. 

Die andere Sicht der Dinge

Natürlich wird sich kein Stadtrat leichtfertig über solche Einwände hinwegsetzen. Das ist auch in Bayreuth nicht geschehen. Aber das Gremium kam am Ende zu einer anderen Gesamtbewertung. Bezogen auf die angebliche Entwertung der Christuskirche, bezogen auf die Nähe zu weiteren Denkmalen und vor allem bezogen auf die Sichtachsen. Nach meinem Dafürhalten gibt es nicht eine klare Sichtachse von der Innenstadt hinauf zum Festspielhaus oder zur Christuskirche, die das Hochhaus an dieser Stelle zerstören könnte. Noch nicht einmal in Bahnhofsnähe gibt es eine offensichtliche Sichtachse, die beeinträchtigt werden könnte. „Störend“ mag der Anblick des Hochhauses allenfalls dann sein, wenn man von der Rathaus-Dachterrasse in Richtung Festspielhaus blickt. Aber das kann nicht wirklich ein Bezugspunkt sein, der gegen das Hochhaus beim Bahnhof sprechen würde.

Wider den Flächenfraß

Ich freue mich deshalb darüber, dass der Stadtrat mehrheitlich standhaft geblieben ist. Und mit dem Ja zum Urbanen Quartier auf dem Postgelände eine richtungsweisende Entscheidung getroffen hat. Denn in Bayreuth werden, wie in vielen anderen Kommunen, die Flächen knapp. Laut Bund für Umwelt und Naturschutz werden in Bayern derzeit rund 13 Hektar unbebauter Fläche täglich neu „verbraucht“! Das entspricht einer Größe von etwa 18 Fußballfeldern. Fazit des BUND: „Der Flächenfraß Bayern ist eines der größten regionalen Umweltprobleme unserer Zeit – und wird von vielen kaum wahrgenommen.“
Statt also immer nur in den grünen und weitgehend naturbelassenen Außenbereichen Baugebiete auszuweisen, muss sich die Stadt in Zukunft zunächst und vor allem darauf besinnen, den Innenbereich zu verdichten. Es wird also darum gehen müssen, vorhandene Innenstadtflächen besser zu nutzen, um eine weitere Versiegelung von Grünbereichen entgegenzuwirken. Und es wird auch darum gehen müssen, dass wieder verstärkt in die Höhe gebaut wird. Bauen in die Höhe reduziert Flächenfraß. Aufgabe der Architekten wird sein, diese neuen Hochbauten nicht nur nachhaltig, sondern eben auch attraktiv zu gestalten. Und an den richtigen Plätzen zu planen. Wobei ich persönlich auch neue Baugebiete mit Ein- und Mehrfamilienhäusern nicht verteufeln oder gar verbieten will. Aber wenn man sich dazu entschließt, solche Gebiete auszuweisen, dann braucht es hierfür erstens gute Gründe und zweitens eine Art ökologischen Ausgleich: Indem man etwa kleinere Grundstücke ausweist, durchaus auch mehrgeschossige Häuser zulässt und  nachhaltige Baustoffe, Dachbegrünungen, Photovoltaikanlagen, Zisternen etc. zur Vorgabe macht.

The Wind of Change

Ich gehe davon aus, dass in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auch aufgrund des Klimawandels auf die Städte und Gemeinden – und damit auch auf die Stadt Bayreuth –erhebliche Veränderungen im Baubereich zukommen werden, ausgelöst durch eine Bewegung „Raus aufs Land“, aber auch durch eine Bewegung „Zurück in die Stadt“. Letztere gibt es übrigens schon heute, wenn es insbesondere ältere Menschen, die mit der Familie auf dem Land gebaut und dort gelebt haben, aus nachvollziehbaren Gründen im Alter zurück in die Stadt zieht: Hier sind die Wege kürzer, die Angebote (ÖPNV, Kultur, Sport, medizinische Versorgung etc.) besser. Welche Bewegung am Ende die stärkere sein wird, wird sich zeigen. Wichtig aber ist für die Städte in jedem Fall, dass sie sich wappnen. Dass sie Vorkehrungen treffen. Dass sie kreativ werden. Indem sie beispielsweise versuchen, Menschen in der Stadt zu halten, um unnötige Mobilität in die Speckgürtel zu vermeiden. 

Tiny Houses

Die Stadt Bayreuth könnte beispielsweise Tiny Houses im Stadtgebiet zulassen – einen entsprechenden Antrag dazu habe ich übrigens schon eingebracht. Tiny Houses verbrauchen wenig Fläche, müssen nicht für immer und ewig an ein und derselben Stelle stehen und bereichern die Stadtgesellschaft. Weil die Tiny House-Bewohner auch eine neue Grundhaltung in die Stadt bringen, wonach man auch auf wenigen Quadratmetern glücklich werden kann.

Makler zwischen den Generationen

Die Stadt könnte auch zum Vermittler zwischen Generationen werden. Es gibt, auch in Bayreuth, zahlreiche Häuser und sogar ganze Wohngebiete, in denen immer mehr alleinstehende Senioren auf viel zu großer Fläche alleine leben, nachdem die Kinder ausgezogen und/oder Familienangehörige verstorben sind. Wenn es nun, auf Vermittlung der Stadt oder über den freien Markt, gelänge, Seniorinnen und Senioren aus freien Stücken dazu zu bewegen, ihre Häuser oder Wohnungen zu verlassen und stattdessen kleinere, seniorengerechte Wohnungen zu beziehen, dann müssten junge Familien womöglich nicht mehr aufs Land ziehen, sondern könnten in der Stadt frei werdende ältere Häuser oder Wohnungen sanieren. Das wäre eine Win-Win-Win-Situation – für Alt und Jung und die Stadt selbst. Die beste Lenkungswirkung könnte die Stadt erzielen, indem sie selbst sich um adäquaten Wohnraum für Senioren bemüht und über Vereine und Verbände dazu beiträgt, dass Einsamkeit im Alter wirksam bekämpft wird. 

Nachverdichtung fördern

Die Stadt könnte Förderprogramme zur Nachverdichtung auflegen und sinnvolle Projekte im Privatbereich unterstützen. Sie könnte durch solche Programme insbesondere Grundstücks- und Immobilienbesitzer motivieren, bestehende Immobilien ­– durchaus auch Gewerbebauten – aufzustocken oder unbebaute Grundstücke zur Bebauung freizugeben, um so zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. 

Eigene Baustrategie

Aber auch die Stadt selbst kann aktiv werden. Nachdem der Stadtrat kürzlich eine Bayreuther Wohnbaustrategie beschlossen hat, deren Ziel die nachhaltige Sicherung eines sozial ausgewogenen, differenzierten und qualitativ hochwertigen Wohnungsangebots ist, sollte nun eine Baulandstrategie folgen. Beispielgebend dafür könnte die Stadt Ulm sein.

Dort gehen in Neubaugebieten nur dann Bebauungspläne ins Verfahren, wenn die Stadt selbst alle Grundstücke besitzt. Durch ein bereits seit 1890 angewendetes „Ulmer Wiederkaufsrecht“ können unbebaute, ehemals stadteigene Flächen niemals an Privat weiterverkauft werden. Dies wird durch Auflassungsvormerkung zugunsten der Stadt Ulm im Grundbuch gesichert. Dieses Wiederkaufsrecht wird erst dann gelöscht, wenn durch den privaten Grundstückserwerber der verfolgte Zweck verwirklicht ist, also z. B. ein Wohnhaus bezugsfertig errichtet und 10 Jahre selbst bewohnt war, oder ein Gewerbeobjekt bezugsfertig errichtet ist, schreibt die Stadt Ulm auf ihrer Homepage und verweist auch auf einen wichtigen Nebeneffekt einer solchen Strategie: dass nämlich „diese Vorgehensweise auch preisdämpfenden Einfluss am Bodenmarkt hat.“ Anders gesagt: In Ulm haben Spekulanten schlechte Karten.

Das Tübinger Modell

Die Stadt Tübingen geht einen anderen Weg. Sie fördert Baugemeinschaften und versucht so, vielfältige und lebendige Quartiere mit hohem Lebens- und Identifikationswert für ganz unterschiedliche Nutzerinnen und Nutzer zu schaffen. Die Idee:  Familien, Alleinstehende, Gewerbetreibende oder Investoren schließen sich zusammen, um nach ihren eigenen Vorstellungen ein Stadthaus zu errichten. Die Baugruppen erhalten von der Stadt eine Option auf ein Grundstück, das sie nach Ablauf der Reservierung von der Stadt erwerben können. Auf diese Weise ist das Bauen kostengünstiger, individueller und identitätsstiftender als das „Haus von der Stange“, heißt es dazu auf der Tübinger Homepage. Zudem hat sich Tübingen Brachflächen, Leerstände und Baulücken ausgeguckt, die für Wohnungsbau genutzt werden könnten. Zitat: „Über 500 Baulücken möchte der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer mithilfe des Baugebots in den nächsten Jahren schließen, um den angespannten Wohnungsmarkt in der Universitätsstadt zu entlasten.“ Der streitbare OB verstärkt also den Druck auf Grundbesitzer, deren Grundstücke in Quartieren liegen, für die qualifizierte Bebauungspläne gelten, auch tatsächlich bauen.

Das Fazit

Ich bin überzeugt davon, dass der Stadtrat Bayreuth mit seiner Entscheidung, ein urbanes Quartier in Bahnhofsnähe zu ermöglichen, die Zeichen der Zeit erkannt hat. Wohnraum schaffen, ein selbstbewusstes architektonisches Zeichen setzen, Mut zeigen statt Kleinklein. Das ist der richtige Weg. Ich freue mich auf das urbane Quartier. Und das Hochhaus. 

Zur Person
Gert-Dieter Meier (64) ist seit mehr als 35 Jahren Journalist ­– vor allem im Bereich Kommunalpolitik und Kultur – unterwegs. Seit 1. Mai gehört er als Unabhängiger dem Bayreuther Stadtrat an. Für bayreuth4U beleuchtet Meier in seiner monatlichen Kolumne das Geschehen in Bayreuth.

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Bayreuth will hoch hinaus. Unweit des Bahnhofs, dort, wo die Post ihren einstigen Stammsitz räumt, weil sie landauf, landab, Briefe und Päckchen nicht mehr in den urbanen Zentren sortiert, sondern in hochmodernen Hightech-Verteilzentren mit Autobahnanschluss auf der grünen Wiese, soll ein Hochhaus entstehen. Ein Hochhaus! In Bayreuth!! Dabei ist dieses Hochhaus mit einer Traufhöhe von maximal  43 Metern nur ein Bestandteil eines Bauvorhabens, das als „urbanes Quartier“ firmiert und sich zwischen Bürgerreuther Straße, Goethestraße, Wilhelmsplatz und Friedrich-von-Schiller-Straße erstreckt. Aber diskutiert und gestritten wird kaum über das Investorenprojekt insgesamt, sondern einzig über den Turm, dem in den sozialen Medien flugs das Prädikat „hässlich“ übergestülpt wird, weil Platzhalter, Fotomontagen, Kommentare oder das eigene Kopfkino solches suggerieren.

So könnte es aussehen, das Hochhaus auf dem Postareal nahe dem Bayreuther Bahnhof. Aber es könnte auch ganz anders kommen… Welches Aussehen das neue, 43 Meter hohe Hochhaus am Ende haben wird, soll erst ein Architektenwettbewerb ergeben, der aktuell ausgeschrieben wird. Grafik: Greim Architekten

Der Hochhaus-Wettbewerb

Richtig ist, dass es hässliche Hochhäuser gibt. Richtig aber ist auch, dass es auch uniforme oder gar hässliche Ein- und hässliche Mehrfamilienhäuser in Hülle und Fülle gibt. Aber stellt man deshalb gleich den Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern ein? Richtig ist zudem, dass es auch attraktive Hochhäuser gibt. Und weil Bayreuth kein hässliches Hochhaus (mehr) will, hat der Stadtrat dem Investor einen Realisierungswettbewerb abverlangt. Will heißen: Nach einer entsprechenden Auslobung reichen Architekten ihre Hochhaus-Entwurfspläne ein. Und ein Preisgericht, in dem neben Bau-Experten auch Stadtratsmitglieder vertreten sind, fällt am Ende die Entscheidung, welcher Entwurf umgesetzt werden soll. Nun muss das keine Garantie für ein schönes Haus sein, aber ein solcher Wettbewerb ist doch ein ziemlich verlässliches Instrument, einen grundhässlichen Zweckbau zu verhindern. Den freilich hatten auch die Investoren selbst nie im Sinn, schließlich sollen in dem Turm auf rund 6700 Quadratmetern Eigentumswohnungen entstehen. Und je „ansehnlicher“ und nachhaltiger das neue Gebäude in dieser besonderen Lage wird, desto besser lassen sich die sicherlich nicht eben billigen Wohnungen verkaufen. 

Die Argumente gegen den Turm

Umstritten ist das Hochhaus vor allem aus zwei Gründen. Zum einen warnen die Kritiker – darunter der Landesdenkmalrat, das Landesamt für Denkmalpflege und der Landeskirchenrat – davor, dass ein Hochhaus an dieser Stelle die nahe, mit drei Türmen ausgestattete Christuskirche „unwiederbringlich entwerte“, wie die die Landeskirche konstatiert. Zum anderen zerstöre der Turm Sichtachsen hinauf zum Festspielhaus. Zu guter Letzt sei ein Hochhaus an dieser Stelle auch kaum kompatibel mit dem Denkmal Postgebäude. 

Die andere Sicht der Dinge

Natürlich wird sich kein Stadtrat leichtfertig über solche Einwände hinwegsetzen. Das ist auch in Bayreuth nicht geschehen. Aber das Gremium kam am Ende zu einer anderen Gesamtbewertung. Bezogen auf die angebliche Entwertung der Christuskirche, bezogen auf die Nähe zu weiteren Denkmalen und vor allem bezogen auf die Sichtachsen. Nach meinem Dafürhalten gibt es nicht eine klare Sichtachse von der Innenstadt hinauf zum Festspielhaus oder zur Christuskirche, die das Hochhaus an dieser Stelle zerstören könnte. Noch nicht einmal in Bahnhofsnähe gibt es eine offensichtliche Sichtachse, die beeinträchtigt werden könnte. „Störend“ mag der Anblick des Hochhauses allenfalls dann sein, wenn man von der Rathaus-Dachterrasse in Richtung Festspielhaus blickt. Aber das kann nicht wirklich ein Bezugspunkt sein, der gegen das Hochhaus beim Bahnhof sprechen würde.

Wider den Flächenfraß

Ich freue mich deshalb darüber, dass der Stadtrat mehrheitlich standhaft geblieben ist. Und mit dem Ja zum Urbanen Quartier auf dem Postgelände eine richtungsweisende Entscheidung getroffen hat. Denn in Bayreuth werden, wie in vielen anderen Kommunen, die Flächen knapp. Laut Bund für Umwelt und Naturschutz werden in Bayern derzeit rund 13 Hektar unbebauter Fläche täglich neu „verbraucht“! Das entspricht einer Größe von etwa 18 Fußballfeldern. Fazit des BUND: „Der Flächenfraß Bayern ist eines der größten regionalen Umweltprobleme unserer Zeit – und wird von vielen kaum wahrgenommen.“
Statt also immer nur in den grünen und weitgehend naturbelassenen Außenbereichen Baugebiete auszuweisen, muss sich die Stadt in Zukunft zunächst und vor allem darauf besinnen, den Innenbereich zu verdichten. Es wird also darum gehen müssen, vorhandene Innenstadtflächen besser zu nutzen, um eine weitere Versiegelung von Grünbereichen entgegenzuwirken. Und es wird auch darum gehen müssen, dass wieder verstärkt in die Höhe gebaut wird. Bauen in die Höhe reduziert Flächenfraß. Aufgabe der Architekten wird sein, diese neuen Hochbauten nicht nur nachhaltig, sondern eben auch attraktiv zu gestalten. Und an den richtigen Plätzen zu planen. Wobei ich persönlich auch neue Baugebiete mit Ein- und Mehrfamilienhäusern nicht verteufeln oder gar verbieten will. Aber wenn man sich dazu entschließt, solche Gebiete auszuweisen, dann braucht es hierfür erstens gute Gründe und zweitens eine Art ökologischen Ausgleich: Indem man etwa kleinere Grundstücke ausweist, durchaus auch mehrgeschossige Häuser zulässt und  nachhaltige Baustoffe, Dachbegrünungen, Photovoltaikanlagen, Zisternen etc. zur Vorgabe macht.

The Wind of Change

Ich gehe davon aus, dass in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auch aufgrund des Klimawandels auf die Städte und Gemeinden – und damit auch auf die Stadt Bayreuth –erhebliche Veränderungen im Baubereich zukommen werden, ausgelöst durch eine Bewegung „Raus aufs Land“, aber auch durch eine Bewegung „Zurück in die Stadt“. Letztere gibt es übrigens schon heute, wenn es insbesondere ältere Menschen, die mit der Familie auf dem Land gebaut und dort gelebt haben, aus nachvollziehbaren Gründen im Alter zurück in die Stadt zieht: Hier sind die Wege kürzer, die Angebote (ÖPNV, Kultur, Sport, medizinische Versorgung etc.) besser. Welche Bewegung am Ende die stärkere sein wird, wird sich zeigen. Wichtig aber ist für die Städte in jedem Fall, dass sie sich wappnen. Dass sie Vorkehrungen treffen. Dass sie kreativ werden. Indem sie beispielsweise versuchen, Menschen in der Stadt zu halten, um unnötige Mobilität in die Speckgürtel zu vermeiden. 

Tiny Houses

Die Stadt Bayreuth könnte beispielsweise Tiny Houses im Stadtgebiet zulassen – einen entsprechenden Antrag dazu habe ich übrigens schon eingebracht. Tiny Houses verbrauchen wenig Fläche, müssen nicht für immer und ewig an ein und derselben Stelle stehen und bereichern die Stadtgesellschaft. Weil die Tiny House-Bewohner auch eine neue Grundhaltung in die Stadt bringen, wonach man auch auf wenigen Quadratmetern glücklich werden kann.

Makler zwischen den Generationen

Die Stadt könnte auch zum Vermittler zwischen Generationen werden. Es gibt, auch in Bayreuth, zahlreiche Häuser und sogar ganze Wohngebiete, in denen immer mehr alleinstehende Senioren auf viel zu großer Fläche alleine leben, nachdem die Kinder ausgezogen und/oder Familienangehörige verstorben sind. Wenn es nun, auf Vermittlung der Stadt oder über den freien Markt, gelänge, Seniorinnen und Senioren aus freien Stücken dazu zu bewegen, ihre Häuser oder Wohnungen zu verlassen und stattdessen kleinere, seniorengerechte Wohnungen zu beziehen, dann müssten junge Familien womöglich nicht mehr aufs Land ziehen, sondern könnten in der Stadt frei werdende ältere Häuser oder Wohnungen sanieren. Das wäre eine Win-Win-Win-Situation – für Alt und Jung und die Stadt selbst. Die beste Lenkungswirkung könnte die Stadt erzielen, indem sie selbst sich um adäquaten Wohnraum für Senioren bemüht und über Vereine und Verbände dazu beiträgt, dass Einsamkeit im Alter wirksam bekämpft wird. 

Nachverdichtung fördern

Die Stadt könnte Förderprogramme zur Nachverdichtung auflegen und sinnvolle Projekte im Privatbereich unterstützen. Sie könnte durch solche Programme insbesondere Grundstücks- und Immobilienbesitzer motivieren, bestehende Immobilien ­– durchaus auch Gewerbebauten – aufzustocken oder unbebaute Grundstücke zur Bebauung freizugeben, um so zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. 

Eigene Baustrategie

Aber auch die Stadt selbst kann aktiv werden. Nachdem der Stadtrat kürzlich eine Bayreuther Wohnbaustrategie beschlossen hat, deren Ziel die nachhaltige Sicherung eines sozial ausgewogenen, differenzierten und qualitativ hochwertigen Wohnungsangebots ist, sollte nun eine Baulandstrategie folgen. Beispielgebend dafür könnte die Stadt Ulm sein.

Dort gehen in Neubaugebieten nur dann Bebauungspläne ins Verfahren, wenn die Stadt selbst alle Grundstücke besitzt. Durch ein bereits seit 1890 angewendetes „Ulmer Wiederkaufsrecht“ können unbebaute, ehemals stadteigene Flächen niemals an Privat weiterverkauft werden. Dies wird durch Auflassungsvormerkung zugunsten der Stadt Ulm im Grundbuch gesichert. Dieses Wiederkaufsrecht wird erst dann gelöscht, wenn durch den privaten Grundstückserwerber der verfolgte Zweck verwirklicht ist, also z. B. ein Wohnhaus bezugsfertig errichtet und 10 Jahre selbst bewohnt war, oder ein Gewerbeobjekt bezugsfertig errichtet ist, schreibt die Stadt Ulm auf ihrer Homepage und verweist auch auf einen wichtigen Nebeneffekt einer solchen Strategie: dass nämlich „diese Vorgehensweise auch preisdämpfenden Einfluss am Bodenmarkt hat.“ Anders gesagt: In Ulm haben Spekulanten schlechte Karten.

Das Tübinger Modell

Die Stadt Tübingen geht einen anderen Weg. Sie fördert Baugemeinschaften und versucht so, vielfältige und lebendige Quartiere mit hohem Lebens- und Identifikationswert für ganz unterschiedliche Nutzerinnen und Nutzer zu schaffen. Die Idee:  Familien, Alleinstehende, Gewerbetreibende oder Investoren schließen sich zusammen, um nach ihren eigenen Vorstellungen ein Stadthaus zu errichten. Die Baugruppen erhalten von der Stadt eine Option auf ein Grundstück, das sie nach Ablauf der Reservierung von der Stadt erwerben können. Auf diese Weise ist das Bauen kostengünstiger, individueller und identitätsstiftender als das „Haus von der Stange“, heißt es dazu auf der Tübinger Homepage. Zudem hat sich Tübingen Brachflächen, Leerstände und Baulücken ausgeguckt, die für Wohnungsbau genutzt werden könnten. Zitat: „Über 500 Baulücken möchte der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer mithilfe des Baugebots in den nächsten Jahren schließen, um den angespannten Wohnungsmarkt in der Universitätsstadt zu entlasten.“ Der streitbare OB verstärkt also den Druck auf Grundbesitzer, deren Grundstücke in Quartieren liegen, für die qualifizierte Bebauungspläne gelten, auch tatsächlich bauen.

Das Fazit

Ich bin überzeugt davon, dass der Stadtrat Bayreuth mit seiner Entscheidung, ein urbanes Quartier in Bahnhofsnähe zu ermöglichen, die Zeichen der Zeit erkannt hat. Wohnraum schaffen, ein selbstbewusstes architektonisches Zeichen setzen, Mut zeigen statt Kleinklein. Das ist der richtige Weg. Ich freue mich auf das urbane Quartier. Und das Hochhaus. 

Zur Person
Gert-Dieter Meier (64) ist seit mehr als 35 Jahren Journalist ­– vor allem im Bereich Kommunalpolitik und Kultur – unterwegs. Seit 1. Mai gehört er als Unabhängiger dem Bayreuther Stadtrat an. Für bayreuth4U beleuchtet Meier in seiner monatlichen Kolumne das Geschehen in Bayreuth.

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