Die beste Lücke meines Lebens 

Die 19-jährige Annika aus Kastl hat sich nach bestandenem Abi und einem Praktikum für einen Freiwilligendienst an einer Grundschule in Costa Rica entschieden. Im Gespräch mit bayreuth4U berichtet sie von ihren dortigen Erlebnissen und wie ihr diese bei der beruflichen Entscheidungsfindung geholfen haben. 

bayreuth4U: Nach deinem im vergangenen Jahr bestandenen Abitur warst du in diesem Frühling vier Monate lang in Costa Rica bei einem Freiwilligendienst tätig. Wie kam es dazu?

Annika: Für mich stand schon immer fest, dass ich nach dem Abi ins Ausland gehen will. Ich wusste nur nicht wohin und was ich machen möchte – es gibt ja unzählige Möglichkeiten. Ursprünglich war mein Plan für ein Jahr zu verreisen und ein FSJ oder Work & Travel zu machen, doch die Pandemie hat mich ein wenig verunsichert, daher bin ich zunächst für ein dreimonatiges Praktikum in Deutschland geblieben. Das Fernweh ließ mich aber nicht los und dann ging es plötzlich ganz schnell: Ich habe auf der Homepage einer Organisation ein Video über verschiedene Projekte an einem wunderschönen Ort an der Karibikküste Costa Ricas entdeckt und habe mich verliebt. Ich hatte die Wahl zwischen einem Projekt in einer Auffangstation für Tiere und der Arbeit mit Kindern in einer Grundschule. Da für mich aber im Raum stand, Lehramt zu studieren, habe ich mich für das Social-Care-Projekt entschieden.

bayreuth4U: Wo genau warst du und wie sah dein Arbeitsalltag aus?

Annika: Ich war in Puerto Viejo, einem traumhaften kleinen Ort an der Karibikküste des Landes. Morgens bin ich etwa um 7 Uhr aufgestanden, habe eine Kleinigkeit gefrühstückt und bin danach etwa 20 Minuten mit meinem Fahrrad zur Schule gefahren. Dort habe ich zusammen mit den Lehrern die Kinder empfangen, sie in die Klassenräume gebracht und, wenn noch Zeit war, mit ihnen gespielt. Während des Unterrichts habe ich die Kinder bei ihren Aufgaben unterstützt und den unkonzentrierten Schülern geholfen, damit die Lehrkräfte in Ruhe ihren Unterricht fortsetzen konnten. In den Pausen und mittags haben wir zusammen gegessen und gespielt und um 15 Uhr hatten sie Schulschluss. Nachdem alle Kinder im Bus saßen oder abgeholt wurden, bin auch ich nach Hause gefahren. Danach war ich meistens noch mit den anderen Freiwilligen am Strand oder Zumba tanzen und abends ging es natürlich regelmäßig auf Strandpartys.

bayreuth4U: Über welche Organisation lief das Ganze und inwiefern hat diese dich unterstützt?

Annika: Als ich gebucht habe, hieß die Organisation noch „Praktikawelten“, im Mai wurde sie jedoch zu „Wayers“ umbenannt. Man wurde wirklich von vorne bis hinten unterstützt und hatte immer einen Ansprechpartner. Es fing an mit einem ausführlichen Beratungsgespräch vor meiner Buchung und einigen hilfreichen Telefonaten in den letzten Tagen vor dem Abflug. Angekommen in Costa Rica wurde ich vom Flughafen abgeholt und mit einem Shuttle zu dem Haus der Organisation gebracht, wo wir Freiwilligen alle zusammen untergekommen sind. Wir haben dort jeweils in Viererzimmern gewohnt und jeden Tag Frühstück und Abendessen bekommen. In dem Haus lebt außerdem eine deutsche Mitarbeiterin von „Wayers“ mit ihrer Familie, sodass auch dort fast rund um die Uhr ein Ansprechpartner vor Ort ist.

bayreuth4U: Haben dir die Erfahrungen bei der Berufsfindung weitergeholfen?

Annika: Die Arbeit hat mir auf jeden Fall einen umfangreichen Einblick in den Lehrberuf gegeben. Auch wenn es sicher einen Unterschied zu deutschen Grundschulen und Lehrmethoden gibt, hat mir die Erfahrung und das Reisen insoweit geholfen, dass ich mich zunächst gegen das Lehramtsstudium und für eine Ausbildung entschieden habe. Ich kann einen Auslandsaufenthalt wirklich von Herzen empfehlen, denn das vergangene Jahr ist definitiv die beste Lücke in meinem Lebenslauf. 

bayreuth4U: Du bist nach deinem Freiwilligendienst noch durchs Land gereist. Hast du Tipps für andere Backpacker?

Annika: Ich habe danach zusammen mit ein paar anderen Freiwilligen ein Auto gemietet und einen Roadtrip entlang der Pazifikküste gestartet. Man lebt sehr minimalistisch und auf Sparflamme. Was den Lebensstandard und die Klamottenauswahl angeht, darf man keine hohen Ansprüche haben. In den Hostels haben wir mit wildfremden Leuten verschiedenster Nationalitäten in Zwölferzimmern übernachtet, es gab nur kaltes Wasser zum Duschen. Zum Frühstück gab es bei uns meist Baguette mit Frischkäse und abends ein paar selbstgekochte Nudeln. Bezüglich des Gepäcks sollte man nicht das Neueste und nur das Nötigste einpacken. Es gibt überall Waschsalons, wo jedoch alles zusammen und nur bei 30 Grad gewaschen wird, also kann es schon passieren, dass etwas verfärbt oder nicht ganz sauber wird. Außerdem muss man auch keine Angst haben, alleine loszuziehen, da man überall Gleichgesinnte findet, mit denen man sich zusammenschließen kann. Ich habe richtig viele tolle Leute kennengelernt und Freunde fürs Leben gefunden.

bayreuth4U: Wie geht es bei dir weiter?

Annika: Zurück in Deutschland habe ich erst mal einen Monat gearbeitet und bin danach noch vier Wochen mit dem 9€-Ticket gereist, um meine neuen Freunde in ganz Deutschland zu besuchen. Auch das Zugfahren war teils sehr abenteuerlich und nervenaufreibend, aber eine tolle Erfahrung. Es war ein Jahr voller Abenteuer und ich bin eindeutig über mich hinausgewachsen. Ich habe gelernt sparsamer zu sein, auf mein Herz zu hören und Dinge so zu akzeptieren wie sie sind. Ab September mache ich jetzt eine Ausbildung, ziehe von zuhause aus und freue mich sehr auf mein nächstes Kapitel.

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