Lust zu fabulieren

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Interview

Christian Springer, Gastgeber der beliebten BR-Sendung „Schlachthof“, zählt auch selbst zu den erfolgreichsten bayerischen Kabarettisten.

bayreuth4U: „Best of Springer“ – wird das ein Best of Ihrer bisherigen Programme sein oder eher ein Best of der aktuellen Geschehnisse?

Christian Springer: Beides. Wobei die aktuellen Geschehnisse weder lustig noch „das Beste“ sind, was man sich vorstellen kann. Erstaunlich an den Kabaretttexten früherer Jahre ist: Sie sind wieder unglaublich aktuell.

bayreuth4U: Was ist Ihr Rezept, um aktuell nicht den Humor zu verlieren?

Springer: Von meiner Mama. Seit Kindesbeinen hat sie mir diesen Goethe-Vers aus ihrer Schulzeit immer aufgesagt: „Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen, von Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren.“ Das ist das Rezept.

bayreuth4U: Einmal im Monat moderieren Sie den „Schlachthof“ im Fernsehen des Bayerischen Rundfunks. Auch während des Corona-Ausbruchs gab es keine Unterbrechung – was liegt Ihnen an dieser Sendung besonders am Herzen?

Springer: Corona ist da nicht spurlos vorüber. Erst war das ganze Haus geschlossen und wir mussten zuhause drehen, dann war der „Schlachthof“ wieder geöffnet, aber nur mit Maske, ohne Gäste, ohne Publikum. Auch „live“ wird nicht mehr gesendet, sondern aufgezeichnet. Aber Kollegen sind wieder als Gäste da, das ist super und macht riesen Freude.

bayreuth4U: Die Explosion in Beirut im August hat für viel mediales Interesse an Ihrem Engagement im Libanon gesorgt. Was machen Sie mit „Orienthelfer e.V.“?

Springer: Wir arbeiten weiter. Jetzt eben aus dem Hotelzimmer. Ich bin täglich dankbar dafür, wie gut es uns hier geht. In Beirut sind durch die Explosion 6.000 Menschen verletzt, 300.000 haben ihre Wohnung verloren, es gibt keine Türen, keine Fenster mehr. Unser Büro wurde zerstört. 85.000 Kinder sind davon betroffen. Es ist still geworden um die Not dort, aber ich lasse nicht locker.

bayreuth4U: Wie geht es im Libanon weiter?

Springer: Im Libanon wütet Corona. Es gibt seit langem eine politische Krise, dazu eine finanzielle Krise, und dazu 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge auf 4 Millionen Einwohner. Bei uns wäre da längst Bürgerkrieg.

bayreuth4U: An staatlicher Unterstützung ist ja gerade auch „dahoam“ Bedarf: Wie beurteilen Sie die aktuellen politischen Maßnahmen für die im Kulturbetrieb Tätigen in Bayern?

Springer: Was soll ich sagen? Kollegen sind bereits bei Hartz4 gelandet. Aber wir wissen: Aufeinanderhocken ohne Schutz bedeutet Krankheit mit oft lebenslangen Folgen. Das heißt, dass die kulturfeindliche Situation noch lange anhalten wird. Ein Hoch auf alle Veranstalter, die dem trotzen und ein bisschen ihre Pforten öffnen.

bayreuth4U: Solo-Selbstständige in der Kulturbranche werden von der Krise besonders hart getroffen. Was wünschen Sie sich hier vom bayerischen Wissenschafts- und Kunstminister Bernd Sibler?

Springer: Genau hinschauen! Es gibt so viele tolle, individuelle Hygienekonzepte, die aber nichts gelten, weil der Staat Grenzen zieht, die für jeden gelten sollen. Das ist oft nicht sinnvoll. Zweitens: viel mehr Solidarität unter den Kunstschaffenden. Wir dürfen nicht nur nach Hilfe schreien, sondern müssen selbst ran. Die Künstler-Millionäre sind hier gefragt. Und noch eins: Es gibt wohl keinen Künstler, der nicht schon mal von einer Agentur beschissen worden ist. Mit diesem Geld könnte man jetzt die ganze Szene retten.

bayreuth4U: Sie haben vor dem Krieg viel Zeit in Syrien verbracht, sprechen Arabisch. Wie schätzen Sie die derzeitige deutsche Flüchtlingspolitik ein?

Springer: Die Flüchtlingszahlen gehen seit langem zurück. Flüchtlinge interessieren auch niemanden mehr. Dennoch: Wer dabei zusieht, wie Menschen im Meer ertrinken und wer zulässt, dass die griechische Küstenwache kaputte Schlauchboote mit Frauen und Kindern ins offene Meer zurückschleppt, der ist ein Verbrecher, Punkt.

bayreuth4U: Ist der international sozial und politisch engagierte Christian Springer auch der, der auf den Kabarettbühnen steht?

Springer: Ich bin niemand, der mehrere Persönlichkeiten besitzt. Wer zu mir kommt, ob ins Kabarett oder zu meinem Verein, der bekommt meine Menschlichkeit um die Ohren gehaut. Ebenso ein Erbe von meiner Mama, die gesagt hat: „Bub, wenn einer hingefallen ist, dann gehst du hin und hilfst ihm auf.“

bayreuth4U: Ihr letztes Programm übt schon im Titel Kritik: „Alle machen. Keiner tut was!“. Wie können Menschen auch in Bayern nicht nur machen, sondern auch „was tun“?

Springer: Das wichtigste ist, den Computer zu verlassen und rauszugehen. Die Welt anschauen. Und wenn es im Moment nicht mehr Südafrika sein kann, dann eben die Nachbarn gegenüber. Und optimistisch sein. Dieses Schlechtreden von allem und jedem macht mich wütend. Oder, und das ist natürlich das beste von allem: ins Kabarett gehen!

Das Interview führte Alma Höfler.

Christian Springer kommt mit seinem Best-of-Programm am 14. April 2021 ins ZENTRUM. Tickets für den ursprünglichen Termin am 07. November 2020 behalten ihre Gültigkeit. Weitere Infos unter www.comedyherbst.de.

Foto: Sina Schweikle

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Christian Springer, Gastgeber der beliebten BR-Sendung „Schlachthof“, zählt auch selbst zu den erfolgreichsten bayerischen Kabarettisten.

bayreuth4U: „Best of Springer“ – wird das ein Best of Ihrer bisherigen Programme sein oder eher ein Best of der aktuellen Geschehnisse?

Christian Springer: Beides. Wobei die aktuellen Geschehnisse weder lustig noch „das Beste“ sind, was man sich vorstellen kann. Erstaunlich an den Kabaretttexten früherer Jahre ist: Sie sind wieder unglaublich aktuell.

bayreuth4U: Was ist Ihr Rezept, um aktuell nicht den Humor zu verlieren?

Springer: Von meiner Mama. Seit Kindesbeinen hat sie mir diesen Goethe-Vers aus ihrer Schulzeit immer aufgesagt: „Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen, von Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren.“ Das ist das Rezept.

bayreuth4U: Einmal im Monat moderieren Sie den „Schlachthof“ im Fernsehen des Bayerischen Rundfunks. Auch während des Corona-Ausbruchs gab es keine Unterbrechung – was liegt Ihnen an dieser Sendung besonders am Herzen?

Springer: Corona ist da nicht spurlos vorüber. Erst war das ganze Haus geschlossen und wir mussten zuhause drehen, dann war der „Schlachthof“ wieder geöffnet, aber nur mit Maske, ohne Gäste, ohne Publikum. Auch „live“ wird nicht mehr gesendet, sondern aufgezeichnet. Aber Kollegen sind wieder als Gäste da, das ist super und macht riesen Freude.

bayreuth4U: Die Explosion in Beirut im August hat für viel mediales Interesse an Ihrem Engagement im Libanon gesorgt. Was machen Sie mit „Orienthelfer e.V.“?

Springer: Wir arbeiten weiter. Jetzt eben aus dem Hotelzimmer. Ich bin täglich dankbar dafür, wie gut es uns hier geht. In Beirut sind durch die Explosion 6.000 Menschen verletzt, 300.000 haben ihre Wohnung verloren, es gibt keine Türen, keine Fenster mehr. Unser Büro wurde zerstört. 85.000 Kinder sind davon betroffen. Es ist still geworden um die Not dort, aber ich lasse nicht locker.

bayreuth4U: Wie geht es im Libanon weiter?

Springer: Im Libanon wütet Corona. Es gibt seit langem eine politische Krise, dazu eine finanzielle Krise, und dazu 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge auf 4 Millionen Einwohner. Bei uns wäre da längst Bürgerkrieg.

bayreuth4U: An staatlicher Unterstützung ist ja gerade auch „dahoam“ Bedarf: Wie beurteilen Sie die aktuellen politischen Maßnahmen für die im Kulturbetrieb Tätigen in Bayern?

Springer: Was soll ich sagen? Kollegen sind bereits bei Hartz4 gelandet. Aber wir wissen: Aufeinanderhocken ohne Schutz bedeutet Krankheit mit oft lebenslangen Folgen. Das heißt, dass die kulturfeindliche Situation noch lange anhalten wird. Ein Hoch auf alle Veranstalter, die dem trotzen und ein bisschen ihre Pforten öffnen.

bayreuth4U: Solo-Selbstständige in der Kulturbranche werden von der Krise besonders hart getroffen. Was wünschen Sie sich hier vom bayerischen Wissenschafts- und Kunstminister Bernd Sibler?

Springer: Genau hinschauen! Es gibt so viele tolle, individuelle Hygienekonzepte, die aber nichts gelten, weil der Staat Grenzen zieht, die für jeden gelten sollen. Das ist oft nicht sinnvoll. Zweitens: viel mehr Solidarität unter den Kunstschaffenden. Wir dürfen nicht nur nach Hilfe schreien, sondern müssen selbst ran. Die Künstler-Millionäre sind hier gefragt. Und noch eins: Es gibt wohl keinen Künstler, der nicht schon mal von einer Agentur beschissen worden ist. Mit diesem Geld könnte man jetzt die ganze Szene retten.

bayreuth4U: Sie haben vor dem Krieg viel Zeit in Syrien verbracht, sprechen Arabisch. Wie schätzen Sie die derzeitige deutsche Flüchtlingspolitik ein?

Springer: Die Flüchtlingszahlen gehen seit langem zurück. Flüchtlinge interessieren auch niemanden mehr. Dennoch: Wer dabei zusieht, wie Menschen im Meer ertrinken und wer zulässt, dass die griechische Küstenwache kaputte Schlauchboote mit Frauen und Kindern ins offene Meer zurückschleppt, der ist ein Verbrecher, Punkt.

bayreuth4U: Ist der international sozial und politisch engagierte Christian Springer auch der, der auf den Kabarettbühnen steht?

Springer: Ich bin niemand, der mehrere Persönlichkeiten besitzt. Wer zu mir kommt, ob ins Kabarett oder zu meinem Verein, der bekommt meine Menschlichkeit um die Ohren gehaut. Ebenso ein Erbe von meiner Mama, die gesagt hat: „Bub, wenn einer hingefallen ist, dann gehst du hin und hilfst ihm auf.“

bayreuth4U: Ihr letztes Programm übt schon im Titel Kritik: „Alle machen. Keiner tut was!“. Wie können Menschen auch in Bayern nicht nur machen, sondern auch „was tun“?

Springer: Das wichtigste ist, den Computer zu verlassen und rauszugehen. Die Welt anschauen. Und wenn es im Moment nicht mehr Südafrika sein kann, dann eben die Nachbarn gegenüber. Und optimistisch sein. Dieses Schlechtreden von allem und jedem macht mich wütend. Oder, und das ist natürlich das beste von allem: ins Kabarett gehen!

Das Interview führte Alma Höfler.

Christian Springer kommt mit seinem Best-of-Programm am 14. April 2021 ins ZENTRUM. Tickets für den ursprünglichen Termin am 07. November 2020 behalten ihre Gültigkeit. Weitere Infos unter www.comedyherbst.de.

Foto: Sina Schweikle

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