Rückkehr im Kargo

Die Band Kraftklub ist eine laute Stimme ihrer Generation, mit Texten voller Ironie. In ihrem vierten Album „Kargo“ beziehen die „letzten Helden der deutschsprachigen Rockmusik“ einmal mehr politisch unkorrekt Stellung. Die fünf Chemnitzer nehmen die Faschos, die Angstmacher und die Wohlstandsgesellschaft aufs Korn. Mit Sänger Felix Brummer und Gitarrist Steffen Israel sprach Olaf Neumann über ihre Zusammenarbeit mit Tokio Hotel, Heimatverbundenheit und
Rechtsextremismus.

bayreuth4U: In „Teil dieser Band” heißt es selbstironisch: „Ich kann nicht singen/ Ich spiel kein Instrument/ Aber alle am Springen/ Und ich schrei den Refrain”. Wundert ihr euch manchmal selbst, dass ihr jetzt schon so lange von der Musik leben könnt?

Felix Brummer: Es ist auf jeden Fall ein durchgehendes Wundern. Im Sommer hatten wir das Vergnügen, mit einer studierten Musikerin zusammenarbeiten zu dürfen, die Max zeitweise am Schlagzeug ersetzt hat. Da hat man gemerkt, wie es ist, mit richtigen Profis zu spielen. Die Philo konnte an zwei Tagen erlernen, was wir uns in zehn Jahren im Proberaum mühsam draufgeschafft hatten. 

bayreuth4U: Sie hätten ja auch einen Uni-Abschluss machen und ein ruhiges, bürgerliches Dasein fristen können. Warum haben Sie ausgerechnet diese „seltsame“ Lebensform gewählt?

Israel: Meine Eltern übten nie Druck auf mich aus. Sie freuten sich, als ich anfing Medientechnik zu studieren, aber ich habe es nicht zu Ende gebracht. Meine Eltern unterstützten mich dann auch bei meiner Musik sehr. 

Brummer: Das liegt auch an der Sozia-
lisierung durch die DDR. Bei der Generation unserer Eltern spielte der Erwerbsdruck nie eine große Rolle. Das Vorsichhinwurschteln war State of the Art. Die große Angst, was aus einem werden soll, wenn es mit der Kunst nicht klappt, gab es nicht. Zur Not ist man Lkw-Beifahrer geworden.

bayreuth4U: Dieses Jahrzehnt scheint zu einer Ära der Krisen zu werden: Klimakrise, Krieg, Rechtsruck, Pandemie – was sind die Folgen dieser Krisen für Sie als Künstler?

Brummer: Die haben auf uns als Künstler keine anderen Auswirkungen als auf andere Berufsgruppen. 

Israel: Manchmal ist die Musik für uns als Künstler wie eine Flucht vor dem Weltuntergang, wenn es einen emotional herunterzieht. Sie ist ein Weg, sich abzulenken und diese Dinge zu verarbeiten. 

bayreuth4U: Unter dem Motto „Wir sind mehr“ fand am
3. September 2018 in Chemnitz ein Großkonzert als Antwort auf die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in der Stadt statt. Wie sehen Sie Ihr Engagement rückblickend?

Brummer: Es ist ein sowohl als auch. Der Song „4. September“ erzählt von diesem kurzen Moment, in dem man sich dabei erwischte, von der Energie ergriffen zu sein – und von dem ernüchternden nächsten Tag, als man merkte, dass sich durch solch ein Konzert im strukturellen Bereich nichts geändert hat. Aber es hatte auch etwas Gutes, denn man hatte das Gefühl, nicht allein und füreinander da zu sein. 

bayreuth4U: Resignieren Sie bei der Frage, was man gegen Rechtsextremismus wirklich tun kann?

Brummer: Wir als weiße Sachsen müssen versuchen, so gut es geht für die Betroffenen von Rechtsradikalismus da zu sein. 

Israel: Man darf es nicht hinnehmen, auch wenn man vielleicht nicht viel daran ändern kann. 

bayreuth4U: Nimmt die Polizei den Rechtsextremismus im Osten wie im Westen wirklich ernst?

Brummer: Wenn man strukturelle Rassismusprobleme innerhalb der Polizei im Osten kritisiert, dann erfolgt immer die Reaktion, dass es das auch überall sonst gebe. Das seien ja nur Einzelfälle. Solange das die vorherrschende Reaktion auf diese Art von Kritik ist, wird sich an dem schwerwiegenden Problem definitiv nichts ändern. Da wurden 30 Jahre lang falsche Schlüsse gezogen. 

bayreuth4U: Befanden auch Sie sich während der Pandemie in einer psychischen Ausnahmesituation?

Israel: Es war auf jeden Fall eine erdrückende Zeit. Der einzige Hoffnungsschimmer war, dass man dachte, nächstes Jahr wieder Konzerte spielen zu können. 

Brummer: Man hat sich immer damit getröstet, dass man so lange durchhalten muss, bis sich alle schön impfen lassen und wieder auf Konzerte gehen können. Und dann kam der Impfstoff. Ab dem Moment habe ich den Glauben an alles verloren, weil ich im Winter 2021 trotz Vakzin und Zugangskonzept eine Tour abbrechen musste. Das war wirklich frustrierend. Und es ist nicht ausgemacht, dass es im nächsten Winter wieder so ist. 

bayreuth4U: Hat sich die Situation der Musikbranche halbwegs normalisiert?

Israel: Manche kriegen es besser hin, manche weniger. Es ist nicht annähernd so wie vor der Pandemie. Natürlich herrscht in der Branche ein großer Personalmangel. 

Brummer: Viele Acts und Konzertveranstalter:innen haben ganz schön zu knabbern. Alle dachten, die Pandemie ist irgendwann vorbei und dann wird es die neuen ausschweifenden Zwanzigerjahre geben. Klar gehen 130.000 Leute zu Helene Fischer, aber es gibt auch junge Künstler:innen, die gerade an der Existenzgrenze stehen. Das gilt auch für Clubs. Diese Ungewissheit ist grässlich. 

bayreuth4U: Bei dem Ohrwurm „Fahr mit mir (4×4)“ gastieren die Jungs von Tokio Hotel. Fühlen Sie sich mit der Band verbunden aufgrund der gemeinsamen ostdeutschen Herkunft?

Brummer: Diese Zusammenarbeit war sehr unkompliziert. Tokio Hotel wurden Weltstars, als ich jung war. Mir war damals nicht bewusst, dass wir im selben Alter sind. Wir haben auch gemeinsame Biografiepunkte, weil wir in ähnlichen Oststädten aufgewachsen sind. Wenn man sich überlegt, was der Skateboarder Steffen und der Hip-Hopper Felix so in Chemnitz erlebt haben, kann man sich ausmalen, was jemand mit Dreadlocks und Kajalstift in Magdeburg erlebt haben muss. 

bayreuth4U: Warum sind Sie bis heute im heimatlichen Chemnitz geblieben?

Brummer: Man redet in Interviews immer über die negativen und wenig über die positiven Aspekte, weil die natürlich ein bisschen langweilig sind, für uns persönlich aber Gewicht haben. Freunde zum Beispiel. Familie. Ruhe. Platz für Sachen, die man in anderen Städten schwerer umsetzen kann. Wir haben zuhause ein tolles Umfeld von ganz verschiedenen Künstlern. Und Chemnitz wird 2025 Kulturhauptstadt Europas. 

bayreuth4U: Und Sie verstehen sich als Botschafter Ihrer Stadt?

Brummer: Nein, so lange ich dort noch lebe, habe ich die Tendenz, mich kritisch mit mir selber und meinem Umfeld auseinanderzusetzen. Aber wenn ich wegziehe, fange ich vielleicht an, heimatverliebte, sehnsuchtsvolle Songs zu schreiben. 

bayreuth4U: Werden Sie sich mit einem eigenen Beitrag am Projekt „Kulturhauptstadt“ beteiligen?

Brummer: „Kargo“ ist unser Beitrag! Wir sind freundschaftlich verbunden mit Leuten, die an dieser Bewerbung beteiligt waren und werden sicherlich da auch Sachen machen im Rahmen unserer Möglichkeiten.

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